Blumen- und Gartenbaustadt Erfurt

Aushängeschild der Blumenstadt Erfurt ist der egapark, Herzstück der Bundesgartenschau 2021. 1961 war das beliebte Garten- und Ausstellungsgelände im Südwesten der Stadt als „iga“, als „1. Internationale Gartenbauausstellung der sozialistischen Länder“ eröffnet worden. Der heutige egapark zählt als eingetragenes Denkmal zu den „wenigen künstlerisch unumstrittenen und anspruchsvoll gestalteten Gartenanlagen“ der 60-er und 70-er DDR-Moderne. Auf ihren Schöpfer Reinhold Lingner geht das weitgehend erhaltene Ensemble von großem ornamentalem Blumenbeet und Ausstellungshallen, von Springbrunnen, Wasserachse, Themengärten und vielen weiteren charakteristischen Details zurück. Dieses einzigartige Gartendenkmal wird bis zur Buga 2021, die auch die Zitadelle Petersberg in der Altstadt und die nördliche Geraaue nachhaltig aufwertet, aufwändig saniert und um neue Attraktionen wie das spektakuläre Danakil-Klimazonenhaus bereichert.

  • Die Erfurter Geschichte ist seit langem eng mit Pflanzen und deren Verarbeitung verbunden. Im Mittelalter bildete das Blaufärbemittel Waid eine wichtige Grundlage für den Wohlstand der thüringischen Metropole. Vom 13. bis 16. Jahrhundert gehörte Erfurt zu den wichtigsten Waidstädten Europas. Sogar über den Niedergang des Waidhandels durch die Einfuhr des Indigos hinaus erlebte es eine Spätblüte bis ins frühe 17. Jahrhundert.
    Die Einnahmen aus dem Waidhandel sorgten wesentlich mit für den Aufstieg der autonome Handelsstadt zu einer der mächtigsten und größten Mittelaltermetropolen des Reiches. Bis heute lässt sich dies an der historischen Altstadt mit ihren Baudenkmalen wie dem eindrucksvollen Ensemble von Dom und Severikirche und der Krämerbrücke ablesen.
    Erfurt war neben seinem vielgestaltigen Handel und Handwerk auch Zentrum eines intensiv genutzten gartenbaulichen und landwirtschaftlichen Umfeldes. Nicht ohne Grund hat Student und Mönch Martin Luther, der sich mit dem Eintritt ins Erfurter Augustinerkloster 1505 auf den Weg zum Reformator machte, Erfurt als „Gärtner des Reiches“ bezeichnet.

  • Im 18. Jahrhundert begannen die Erfurter Gärtner über den regionalen Bedarf hinaus zu produzieren und spezialisierten sich auf bestimmte Produkte. Neue Methoden und Gerätschaften kamen zur Anwendung. Einer der Pioniere auf diesem Gebiet war der Erfurter Gartenbauunternehmer Christian Reichart (1685-1775).Reichart machte nicht nur den aus Zypern stammenden Blumenkohl in unseren Breiten heimisch, sondern kultivierte im Dreienbrunnenfeld die bis heute als Erfurter Spezialität sehr beliebte Brunnenkresse. Jenes vitaminreiche Gemüse veranlasste sogar Kaiser Napoleon, Erfurter Gärtner zum Kresseanbau nach Versailles zu schicken. Erfurt wurde dank Reichart und seiner immer zahlreicheren Gärtnerkollegen zu einem Zentrum des Gartenbaus in Deutschlands.
     
     

  • Der Erfurter Erwerbsgartenbau erreichte im 19. und frühen 20. Jahrhundert seinen Höhepunkt. Die großen Gartenbaudynastien – Haage, Schmidt, Benary, Heinemann, Chrestensen – erlangten um 1900 Weltgeltung. Mit ihren innovativen Produkten waren sie rund um den Globus präsent und errangen in einzelnen Bereichen, wie etwa dem Samenhandel, eine Führungsstellung. Auf den großen Gartenbau- und Weltausstellungen wurden Erfurter Unternehmen mit zahlreichen Auszeichnungen gewürdigt.
    In Erfurt selbst untermauerten aufwändige Gartenbauausstellungen seit den 1830er-Jahren den Ruf der Blumenstadt. Erster spektakulärer Höhepunkt war die „Allgemeine deutsche Ausstellung von Produkten des Land- und Gartenbaues“ mit internationaler Beteiligung 1865. Ihr folgten zahlreiche weit über Thüringen und Deutschland ausstrahlende Veranstaltungen.

  • Ende des 19. Jahrhundert:  Die Geschäftshäuser der Gartenbauunternehmen, ihre ausgedehnten Betriebsgelände, Gewächshäuser und Blumenfelder prägten das Stadtbild. Man muss sich Erfurt in dieser Zeit als Insel in einem Meer von berauschend duftenden, in allen Farben leuchtenden Blüten: Rosen und Veilchen, Reseden, Levkojen und Tulpen, Balsamienen vorstellen. Der Gartenbau wurde zunehmend zum Imagefaktor im aufstrebenden Fremdenverkehr der „Blumen-, Luther- und Domstadt“.
    Parallel trug die Entwicklung des Stadtgrüns ebenfalls nachhaltig zur Urbanität und zum Image Erfurts bei, das 1906 mit 100.000 Einwohnern den Status einer Großstadt erreichte. Auf dem Areal der ab 1873 beseitigten Stadtbefestigungen und im Erweiterungsgebiet der Industriestadt entstanden anspruchsvolle Grünanlagen und Parks.
    Zur Blumenstadt Erfurt gehört schließlich auch die ungebrochene Tradition der Gartenbaubildung bis hin zur heutigen Fakultät Landschaftsarchitektur, Gartenbau und Forst der Fachhochschule Erfurt. Des Themas Gartenbau nimmt sich insbesondere das ebenfalls seit 1961 in der Cyriaksburg im egapark beheimatete Deutsche Gartenbaumuseum an, das auf Fachwelt und interessierte Besucher eine große Anziehungskraft ausübt.

(Fakten: Dr. Steffen Raßloff)